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Gedanken zum Osterfest 2020 unter dem
Schatten des Corona- Virus

von Raimond Hintze (BUGY)

Da ich nun seit nunmehr 3 Wochen nicht mehr meiner gewohnten Arbeit nachgehe, ist das Osterfest nicht die willkommene Zäsur im Arbeitsrhythmus die das Frühjahr so schön gestaltet. Diesmal gehen die Tage in meinem Gefühl von Dauersonntag unter. So viel Zeit zu haben und gleichzeitig in der Aktivität massiv beschränkt zu sein, fühlt sich für mich wie ein Nothalt auf offener Strecke an. Dieses Osterfest will anders begangen werden. Hier an meinem Wohnort ist es wie jeden Tag sonntäglich ruhig. Die Kinder spielen ausgelassen auf den Grünflächen. Wo kommen plötzlich all die Kinder her, die draußen ihren Lebensraum entdecken? Familien radeln und flanieren an unserem Haus vorbei in die angrenzende Parkanlage. Wo kommen all die Familien her, die sich Zeit in einem Miteinander schenken? Ist nicht Ostern das Fest mit dem zentralen Thema Opfer, Osterlamm, Jesus am Kreuz?

In diesen Wochen bereiten wir große Opfer im Angesicht eines getarnten Feindes, aber auch des Todes. Die Gleichheit vor dem Gesetz wird auf eine harte Probe gestellt, wenn einzelne Gruppen der Gesellschaft mehr oder weniger geschützt dem Virus gegenübertreten müssen. Und es kann mir vor allem das Herz zerreißen beim Anblick der Menschenmassen in den schwächeren Ländern der Welt. In Erwartung des Virus wissen sie sich sicherlich kaum durch ein ökonomisch und institutionell reiches System geschützt. In diesen Zeiten sind die Menschen freiwillig oder unfreiwillig dazu angehalten ihre persönliche Freiheit, ihre ökonomische Existenz oder sogar ihr Leben hinzugeben. Ein weltumspannendes Opfergeschehen ohne klaren Ausgang. Kein Lösungsweg führt leicht und ohne Schäden aus dieser Krise, der Ausgang ist ungewiss. In meinen Augen stellt diese Krise, so wie die Klimakrise eigentlich auch, die Sinnfrage er menschlichen Existenz. Diese Krisen sind überall gegenwärtig und betreffen jeden. 

 

Nur der Schutz im sozialen Raum ist verschieden verteilt auf der Welt. Obwohl der Begriff des Opfers seine Verwendung in unserer Sprache findet, so ist doch die Opferhandlung aus unserem Leben verschwunden. Die Kirchen vollführen mit dem Abendmahl nur noch eine symbolische Opferhandlung. In den 3000 Jahre alten Veden, den Überlieferungen einer Kultur im nördlichen Indien, wurden viele Hunderte von Seiten über die Rituale des Opfergeschehens gefüllt. Minutiös beschäftigte man sich mit der Frage, wie eine lebensbejahende Haltung einzunehmen ist gegenüber der Tatsache, dass die Menschen als Jäger und Hirten ihre Tiere schlachten und verzehren wollten. Durch für uns schwer verständliche rituelle Handlungen sollte es beiden Seiten ermöglicht werden, mit „heiler Haut“ das Dilemma zu durchstehen. 

 

In der heutigen Zeit sind wir als Gesellschaft fern von einem Prozess der Selbstreflexion. Unsere Lösung, zumindest in der sogenannten „zivilisierten“ Welt, besteht darin, das Elend dieses Dilemmas aus der Öffentlichkeit in die Hallen der Schlachthöfe und Zuchtbetriebe zu verdrängen, wo man den Geschäften im Verborgenen nachgeht, so wie der mittelalterliche Scharfrichter ohne Bürgerrechte vor den Mauern der Städte. Wenn ich die ayurvedische Ernährungslehre der Dhatus (Sanskrit: Gewebe) mit ihrem zyklische Verlauf von einem Körpergewebe zum nächsten zur Rate ziehe, dann kommen mir Begrifflichkeiten wie Kommunikation, Kontinuum und Grenze in den Sinn. Die Außenwelt tritt über Grenzflächen, Membranen oder Übergangsräume wie dem Verdauungstrakt oder dem Gefäßnetz für Blut oder Lymphe mit der jeweiligen Innenwelt in Kontakt. Dieser Kontakt gestaltet sich fließend, so würde ein Arzt der Anatomie bei dem Übergang eines Muskels (Mamsa Dhatu) in eine Sehne (Snayu) und weiter in einen Knochen (Asthi Dhatu) von einem Kontinuum sprechen. In allen Übergangsbereichen gestaltet sich der Prozess kommunikativ. Dort werden Differenzen in physikalischen Größen deutlich, zum Beispiel ein Gefälle an Druck oder Temperatur. Dort wird wie beim Staffellauf etwas materielles übergeben, zum Beispiel Gase oder Flüssigkeiten. Nach der „Fragestellung“ durch einen Virus gibt das Immunsystem eine Reizantwort nach dem so genannten Schlüssel-Schloss-Prinzip. Für mich stellt sich die Frage, was das Ergebnis sein mag für das beschriebene Kontinuum im Gewebekreislauf, wenn wir uns dieses Fleisch, im wahrsten Sinne des Wortes, einverleiben. 

 

Aber ich möchte den Rahmen dieses Dilemmas noch weiter fassen. Vielleicht gelingt mit dem friedfertigen Blick eines Kalbs oder Schafs ein Gefühl von Schuld oder Mitleid bei uns zu erzeugen. Aber was ist mit den Pflanzen? Erscheint nicht die vegane Ernährungsweise nicht als doppelmoralisch, wenn sie stolz verkündet, dieses Lebensmittel sei rein pflanzlich, so wie ein Fleischesser sagt, es sei doch nur ein Tier. Zur gleichen Zeit gewinnen Wissenschaftler immer häufiger öffentliches Gehör, die den Pflanzen beachtliche Modalitäten der Wahrnehmung und der Aktivität gegenüber der Außenwelt zubilligen und fordern, die Pflanzen in eine so genannte Naturethik mit einzuschließen. Unser industrieller Landbau ist vergleichbar entseelt, wie die industrielle Tierzucht. Kommunikative Prozesse, Kontinuitäten werden willentlich zerrissen. Pflanzenhybride, ihrer angestammten Fortpflanzungsfähigkeit beraubt, werden wie seelenlose Wesen in eine der Lebendigkeit beraubten Umwelt unter unverhältnismäßig großem ökonomischen Aufwand zum Wachsen gebracht, damit sie zu rein pflanzlichen Nahrungsmitteln verarbeitet werden können.

 

Wieder stellt sich für mich die Frage, wie unsere Körpergewebe (Dhatus) in der Kommunikation mit derartigen Stoffen reagieren. Was macht dieser gesamtgesellschaftlich geduldete Raubbau, dieses Opfer des Lebendigen mit unseren Geweben, wenn wir es uns unreflektiert einverleiben? Überall wird von der jetzigen Weltkrise als Zäsur gesprochen, dass die Welt danach eine andere sein wird. Wir leben zur Zeit auf Distanz, die Eigenbewegungen sind minimiert auf den Nahbereich, die Kommunikation mit der Außenwelt erfordert Schutzmaßnahmen. Die Grenzflächen und -räume werden neu definiert. Alte Wege müssen neu und kreativ ausgestaltet werden. Die Welt ist erfasst von der ungeahnten Fähigkeit zu neuen Prozessen. Bleibt zu hoffen, dass diese Dynamik erhalten bleibt, und in vielerlei Richtungen zu lebensbejahenden Veränderungen führt. Bereits in den 2000er Jahren hatten namhafte Geisteswissenschaftler vorhergesagt, dass eine sinnvolle Reaktion auf die Klimakatastrophe grundlegende Veränderungen erfordere und den Abschied von liebgewonnenen Gewohnheiten. Beachtenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass die EU-Kommisionschefin Ursula von der Leyen in einem Interview mit der ZEIT vom 8.April diesen Jahres davon spricht, dass sie sich im Rahmen des Green Deal für einen Paradigmenwechsel stark machen wolle, hin zu einer Schonung der Ressourcen durch eine Kreislaufwirtschaft. Da schließt sich für mich wieder der Bogen hin zu dem Kreislauf der ayurvedischen Gewebeernährung, im technischwirtschaftlichen Sinne cradle to cradle genannt; entwickelt von dem deutsche Chemiker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough.

 

Raimond Hintze, Ostern 2020
Berufsverband unabhängiger gesundheitswissenschaftlicher Yoga-Lehrender BUGY

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